Der Einsatz direkter und partizipativer Bewertungsmethoden zur Unterstützung allokativer Entscheidungen im Umweltbereich


ECON A    

Institution
Universität Hohenheim, Volkswirtschaftslehre, insb. Umweltökonomie sowie Ordnungs-, Struktur- und Verbraucherpolitik

Beteiligte Mitarbeiter/innen
Prof. Dr. Michael Ahlheim, Dr. Oliver Frör, Dipl. Vw. Tobias Börger

Ziele des Teilprojektes
Staatliche Umweltpolitik zielt im Allgemeinen auf eine Verbesserung der Lebensbedingungen der Bevölkerung eines Landes. Zur Realisierung dieser Politik zieht der Staat die Verfügungsgewalt über knappe volkswirtschaftliche Ressourcen an sich, beispielsweise durch Besteuerung, aber auch durch Enteignung oder durch Auflagen und ähnliche Zwangsmaßnahmen. Da diese knappen Ressourcen der Verfügungsgewalt der privaten Haushalte und Unternehmen entzogen werden und damit deren Konsum- bzw. Produktionsmöglichkeiten beeinträchtigen, treffen umweltpolitische Entscheidungen zunächst häufig auf Abneigung und Widerstände in der Bevölkerung, es sei denn, der gesellschaftliche Nutzen, der durch die betreffenden Umweltverbesserungen geschaffen wird, übertrifft den durch die Ressourcenübertragung verursachten Nutzenverlust. Dabei kommt es natürlich nicht darauf an, dass dies objektiv oder nach Meinung führender Wissenschaftler der Fall ist, sondern vielmehr auf den Eindruck, den die Bevölkerung selbst von der Vorteilhaftigkeit der betreffenden umweltpolitischen Maßnahmen hat.
Das Teilprojekt ECON-A befasst sich mit Möglichkeiten, die Wertschätzung zu ermitteln, welche die Bevölkerung einzelnen umweltpolitischen Maßnahmen oder Projekten entgegenbringt. Der gesellschaftliche Wert umweltpolitischer Maßnahmen wird dabei in Geldeinheiten gemessen. Der Vorteil einer monetären Bewertung umweltpolitischer Projekte besteht darin, dass der durch ein solches Projekt geschaffene gesellschaftliche Nutzen damit unmittelbar seinen ebenfalls in monetären Einheiten gemessenen Kosten gegenüber gestellt werden kann, um so seinen Nettobeitrag zur gesellschaftlichen Wohlfahrt zu bestimmen und damit die Frage zu beantworten, ob sich das betreffende Projekt aus gesellschaftlicher Sicht "lohnt". Eine andere Anwendungsmöglichkeit dieser Methoden ergibt sich, wenn der Staat oder eine nichtstaatliche Umweltorganisation ein bestimmtes Budget zur Verfügung hat und entscheiden muss, auf welche von mehreren in Frage kommenden umweltverbessernden Projekte dieses Budget verwendet werden soll. Hier können die verschiedenen Projekte mit Hilfe der ökonomischen Umweltbewertung nach ihrer gesellschaftlichen Bedeutung geordnet und gemäß dieser Rangfolge realisiert werden. Bei den Methoden zur ökonomischen Umweltbewertung handelt es sich somit um Instrumente zur Unterstützung einer rationalen Ausgabenpolitik des Staates, d. h. zur Unterstützung einer gesellschaftlich rationalen Verwendung knapper volkswirtschaftlicher Ressourcen durch den Staat.
Die am weitesten verbreitete Methode zur gesellschaftlichen Bewertung von Umweltveränderungen ist die so genannte Contingent Valuation Methode (CVM). Sie zielt auf die Ermittlung des monetären Werts ab, den die Bevölkerung einer bestimmten Umweltverbesserung zuordnet. Bei Marktgütern manifestiert sich dieser Wert in dem Preis, den ein Haushalt maximal für ein bestimmtes Gut zu zahlen bereit ist, d. h. in seiner Zahlungsbereitschaft für dieses Gut. Analog hierzu versucht die CVM, die Zahlungsbereitschaft der von einem Umweltprojekt betroffenen Haushalte für dieses Projekt zu ermitteln. Die dieser Methode zugrunde liegende Idee besteht darin, einen hypothetischen Markt für Umweltgüter herzustellen, wobei die Zahlungsbereitschaft für die zu bewertenden Güter als monetärer Indikator für den Nutzen, den die Haushalte aus diesen Gütern ziehen, interpretiert wird. Die CVM stützt sich im Wesentlichen auf Haushaltsbefragungen, wobei zunächst die durchschnittliche Zahlungsbereitschaft einer repräsentativen Stichprobe von Haushalten, die von solch einem Szenario betroffen sind, ermittelt wird. Anschließend wird hieraus die aggregierte Zahlungsbereitschaft, d. h. der soziale Wert des zu untersuchenden Szenarios, berechnet. Außerdem werden die der Zahlungsbereitschaft der Haushalte zugrunde liegenden Bestimmungsfaktoren, beispielsweise ihre Einstellung zur Umwelt, das verfügbare Haushaltseinkommen, das Bildungsniveau etc., ermittelt.
Da die CVM auf Haushaltsinterviews und damit auf den persönlichen Aussagen der Haushaltsmitglieder beruht, ist sie natürlich für vielfältige Verzerrungen bzw. Verfälschungen der Ergebnisse durch psychologische, aber auch wahrnehmungs- und verständnisbedingte Faktoren anfällig. Dies gilt um so mehr in einer Gesellschaft, die wie die chinesische noch wenig Erfahrung im Umgang mit Marktpreisen und der Preisbildung auf freien Märkten hat. Das Teilprojekt ECON-A untersucht die Möglichkeiten zur Anwendung der CVM in einer solchen Schwellengesellschaft am Beispiel der ökonomischen Bewertung verschiedener Umwelt- und Landschaftsveränderungen im Nabanhe NR, die in den anderen Teilprojekten u. a. aus agrar- und naturwissenschaftlicher Perspektive analysiert werden. Darüber hinaus wird die CVM an die regionalen sozio-kulturellen Gegebenheiten Südwestchinas angepasst, so dass eine Bewertungsmethode in Bezug auf umweltpolitische Entscheidungen entwickelt wird, die auch über das Untersuchungsgebiet hinaus Anwendungsrelevanz besitzt. Für eine Anpassung der CVM an die regionalen sozioökonomischen und kulturellen Gegebenheiten kommen vor allem auch partizipative Ansätze durch eine direkte Zusammenarbeit mit der lokalen Bevölkerung bei der Gestaltung der Befragungsstudie in Form so genannter Bürgerexperten-Gruppen zum Einsatz.
Durch das Teilprojekt ECON-A wird eine direkte Verbindung zwischen den (objektiven) Landnutzungs- und Umweltveränderungen, die von den natur- und agrarwissenschaftlichen Teilprojekten innerhalb des Gesamtprojekts untersucht werden, und den (subjektiven) Präferenzen und Einstellungen der Bevölkerung gegenüber diesen Veränderungen hergestellt. Die hier bearbeitete Methode komplettiert somit das im Gesamtprojekt zu entwickelnde Entscheidungsinstrument, auf dessen Basis die natürlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen zukünftiger Landnutzungen im Untersuchungsgebiet und in angrenzenden Gebieten Südostasiens abgeschätzt und bewertet werden sollen.

Partner
China Agricultural University Beijing, Prof. Dr. Jin Leshan